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KONTROVERS
15.05.2006
Auf Zeit gespielt
VON Michael Billig Kommentare lesen
Einer der Hauptsponsoren der Weltmeisterschaft muss sich dem Verdacht erwehren, dass er mitverantwortlich ist für den Tod von neun Gewerkschaftern in Kolumbien.

Kolumbien befindet sich seit Jahrzehnten in einem bürgerkriegsähnlichem Zustand. Die Auseinandersetzungen zwischen linksgerichteten Guerillas und rechten Paramilitärs lassen sich aus der Ferne kaum beobachten, Informationen nur schwer überprüfen. Fakt ist, dass Hunderte von Gewerkschaftern in den letzten Jahren ums Leben gekommen sind. Neun von ihnen gehörten der Lebensmittelgewerkschaft Sinaltrainal an und waren Arbeiter bei Coca Cola.

Studierende der Universität in Bristol. (c) killercoke.org

Deswegen rufen Aktivisten, Organisationen und Universitäten nach einer unabhängigen Kommission, die die Vorfälle untersucht. Derweil wurde zum weltweiten Boykott gegen Coca-Cola-Produkte aufgerufen. Die Universität von Michigan schloss sich diesem an und legte im Dezember 2005 einen Vertrag mit dem Brausehersteller auf Eis. Coca Cola lenkte ein und gab an, dass es noch in diesem Jahr durch die Internationale Arbeiter Organisation (ILO) eine unabhängige Untersuchung geben wird. Daraufhin konnte Claudia Fasse von Coca Cola Deutschland der Öffentlichkeit mitteilen: "Die Universität in Michigan hat den Boykott gegen unsere Produkte beendet." Die Universitätsleitung erkennt in einem im Internet veröffentlichten Briefwechsel mit Coca Cola die ILO als unabhängiges Organ an. Dabei verwies man auf den Einsatz der ILO in Kambodscha, wo die Organisation beeindruckende Arbeit geleistet habe.

Melanie Lucas von der Initiative "Kolumbien-Kampagne" ist da etwas skeptischer. Ihre Mitstreiter aus den USA sagen Coca Cola enge Kontakte zur ILO nach, die an der Möglichkeit einer unabhängigen Untersuchung Zweifel aufkommen ließen. Außerdem hat Lucas noch die von Coca Cola gesponserten Olympischen Winterspiele in Turin in Erinnerung: "Aufgrund des Drucks der Proteste hatte Coca Cola da bereits einer Untersuchungskommission zugestimmt. Die Vereinbarung wurde mit dem Bürgermeister Roms, Walter Veltroni, und anderen politischen Repräsentanten aus Italien getroffen. Im März diesen Jahres sollte die Untersuchungskommission, bestehend aus Mitgliedern von Gewerkschaften und Initiativen, die Abfüllanlagen in Kolumbien besuchen. Coca Cola hat sich kurz vor Beginn plötzlich von der Vereinbarung zurückgezogen."

Nach Informationen der "Kolumbien-Kampagne" haben sich die Arbeitsbedingungen in den 27 kolumbianischen Abfüllbetrieben des "Global Players" stark verschlechtert. So seien beispielsweise die Löhne von 600 auf 150 US-Dollar gesunken. Wer in Kolumbien öffentlich dagegen protestiert, riskiere sein Leben. Zu den Opfern gehört der 65-jährige José Libardo Osorio Herrera, Arbeiter bei Coca-Cola in Carepa, der laut "Kolumbien-Kampagne" am 26. Dezember 1996 von schwer bewaffneten Personen gewalttätig aus den Räumlichkeiten des Betriebes gezerrt und anschließend in der Nähe des Friedhofes von Chigorodó ermordet wurde. Isidro Segundo Gil, Generalsekretär von Sinaltrainal, Arbeiter bei Coca-Cola und Verhandlungspartner der Forderungen, welche am 30. November 1996 dem Unternehmen überreicht worden waren, wurde wenige Tage darauf auf dem Firmengelände in Carepa umgebracht.

Aus Kreisen der Gewerkschaft heißt es, dass Coca Cola davon profitiere und auf Schutzgesuche nicht eingehe. In der Kritik stehen vor allem die beiden Tochter- und Abfüllunternehmen "Bebidas y Alimentos" und "Panamco". Die Forderungen Sinaltrainals lauten, dass Coca Cola die vorgebrachten Fakten nicht länger abstreitet, die Gewalt gegen die Gewerkschaft öffentlich verurteilt, geflohene Gewerkschaftler wieder einstellt, der Gewerkschaft wieder Zugang zu den Betrieben gibt, die Klage gegen Sinaltrainal auf Verleumdung zurückzieht sowie die Opfer und Angehörigen entschädigt. Die Forderungen der Gewerkschaft blieben bisher unerfüllt.

Im Jahr 2001 strebte Sinaltrainal vor dem US-Bezirksgericht in Miami ein Verfahren gegen Coca Cola an, vergeblich. In einer offiziellen Stellungnahme betont der Getränkehersteller, dass das Unternehmen in den bisherigen Gerichtsentscheidungen von den Vorwürfen wegen angeblicher Mittäterschaft bei Gewaltausübung und Einschüchterung von Gewerkschaftsmitgliedern entlastet wurde. Die Liste mit den Namen der entführten und ermordeten Coca-Cola-Arbeiter ist trotzdem von Jahr zu Jahr länger geworden. Es ist schon längst an der Zeit, eine unabhängige Untersuchung einzuleiten und durchzuführen.
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Kommentare:
Jörg [12.07.2006]:
Artikel in der taz zum Thema mit dem Titel "Studis machen Coke nervos unter
http://www.taz.de/pt/2006/07/10/a0012.1/text.ges,1

Interview zum Thema mit Schriftsteller Raul Zelik unter http://www.taz.de/pt/2006/07/10/a0018.1/t...ges,1
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